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Mensch blickt von einem Baumstumpf in eine weite Berglandschaft. Focusing ist das körperbasierte Hinhören nach innen.

Was ist Focusing – und warum ist es besonders für Männer so wertvoll?

Du steigst aufs Rad und willst eigentlich schon los. Aber irgendetwas im Bauch meldet sich mit einem Gefühl. Du weißt noch nicht, was es ist. Du weißt nur: es ist da. Viele Männer kennen in solchen Momenten zwei Reaktionen gelernt: wegschieben oder weiterdenken. Wenn du ihm noch einen Moment gibst, fällt dir ein was es ist. Du hast noch etwas vergessen!

Focusing ist eine Methode, die genau bei diesem Etwas ansetzt. Bei dem, was du körperlich spürst, bevor du es in Worte fassen kannst. Eugene Gendlin, Psychologe und Philosoph in Chicago, hat sie in den 1960ern aus seiner Forschung über erfolgreiche Therapieverläufe entwickelt: als Selbsthilfeverfahren, das jeder lernen kann. Den Vorgang hat er in sechs Schritte gegliedert, damit man ihn üben kann wie ein Handwerk. Kein Therapeutenstuhl nötig. Kein Esoterik-Vokabular. Alles was es braucht ist die Bereitschaft, einen Moment lang nach innen zu hören statt weiter zu funktionieren.

Was ist Focusing, was passiert darin und weshalb ist es besonders für Männer so hilfreich?

Der Moment persönlicher Weiterentwicklung

Veränderung ist ein Wort, das in Selbsthilfe-Texten viel zu oft fällt. Meistens meint es: einsehen, planen, umsetzen. Gendlins Forschungsbefund war weiter gefasst. Er hat sich Therapien angeschaut, in denen Menschen sich tatsächlich verändert haben. Und Therapien, in denen das nicht gelang. Der Unterschied lag nicht am Therapeuten, nicht an der Methode, nicht am Thema. Er liegt in einem bestimmten Umgang eines Klienten mit sich selbst: Er wird langsamer. Er sucht nach Worten. Er verweilt bei etwas, das sich noch nicht klar formulieren ließ.

Dieses „etwas“ hat einen Namen: Felt Sense. Ein körperliches Gespür für eine Situation, das mehr enthält, als man im Moment sagen kann. Wenn ein Mensch lernt, dort zu verweilen, statt sofort darüber hinwegzudenken, dann verschiebt sich etwas. Nicht durch Einsicht, sondern durch Kontakt. Gendlin nennt diesen Moment den Felt Shift: eine spürbare innere Bewegung, ein „Ah“ im Körper, das man nicht herbeireden, aber auch nicht übersehen kann. Er ist der eigentliche Veränderungsmoment im Focusing.

Genau das macht Focusing für Männer interessant. Es verspricht keine Heilung über Sprache, sondern über etwas, was Männer ohnehin haben: einen Körper, der in Resonanz geht.

Wenn der Körper mehr weiß als der Kopf

Männer werden nicht gefühlsarm geboren. Sie verlernen es. Das ist die Kernbeobachtung von Björn Süfke, der seit vielen Jahren mit Männern arbeitet: Jungen lernen früh, was sich fühlen darf und was nicht. Trauer wird weniger gespiegelt, Hilflosigkeit gilt als unmännlich, Angst bekommt einen neuen Namen: „Respekt“. Was über Jahre weggedrückt wird, fühlt sich irgendwann nicht mehr nach etwas an. Es ist nicht weg. Es ist nur leise geworden.

Im Kopf merkst du das nicht. Im Körper schon. Die meisten Männer, die in der Beratung sitzen, kommen nicht mit dem Satz „Mir geht es schlecht“. Sie kommen mit Rückenschmerzen, Schlafproblemen, dem Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt, ohne sagen zu können, was. Genau dort setzt Focusing an: nicht auf der Ebene, auf der du dich erklären sollst, sondern darunter. Beim Bauch, der sich zusammenzieht. Bei der Brust, die enger wird, wenn die Mail von der Chefin aufploppt. Bei der Schwere, die sich nach dem Abendessen breitmacht und nicht ans Magen-Darm-Thema gebunden ist.

Ann Weiser Cornell beschreibt das so: Unser Körper weiß, welche Menschen uns guttun. Er weiß, welcher nächste Schritt richtig ist. Er weiß es oft Wochen, bevor der Kopf nachzieht. Focusing ist die Praxis, sich diesem Wissen wieder zugänglich zu machen.

Und das ist kein Mystik-Argument. Wer Gefühle gewohnheitsmäßig wegrationalisiert, dreht im Kopf Runden. Süfke nennt das in Männerseelen die „rationalisierte Depression“: man erklärt sich den Schmerz weg, bis er sich im Satz aufgelöst hat. Der Schmerz bleibt. Er sitzt jetzt nur tiefer. Focusing ist die Alternative zum Weiterdenken: kurz mal runter, nachhören, was da eigentlich ist.

Was in einem Focusing-Prozess passiert

Gendlin hat einen Ablauf in sechs Schritte gegossen, damit man ihn lernen kann wie eine Sprache. Die kurze Version: Du machst innerlich Platz. Du wendest dich einem Thema zu, das gerade da ist. Du wartest, bis sich im Körper ein Gespür dafür bildet. Genau dieses Gespür meint Gendlin mit dem Felt Sense. Du suchst ein Wort oder Bild, das zu ihm passt. Du prüfst, ob das Wort wirklich sitzt. Und du bleibst dabei, bis sich etwas verschiebt, oder bis du genug hast für heute.

Was hier wie eine Anleitung klingt, ist in der Praxis viel freier. Es geht nicht darum, Punkt für Punkt abzuarbeiten. Es geht darum, eine bestimmte Haltung zu finden: freundlich neugierig auf das, was sich zeigt. Nichts wegmachen. Nichts erzwingen. Cornell formuliert es so, dass man sich „dazusetzt“, wie zu einem scheuen Reh, das man nicht erschrecken will.

Das Ergebnis kommt selten als komplexes Paket sondern viel häufiger in kleinen Schritten, ein kleines Stück mehr Klarheit. Eine genauere Wahrnehmung, worum es eigentlich geht. Eine Erkenntnis, die auf einmal stimmt, wo vorher nur ein innerer Knoten war.

Focusing in Therapie, Coaching und Alltag

Gendlin hat Focusing. Selbsthilfe bei der Lösung persönlicher Probleme (Rowohlt) ausdrücklich für alle geschrieben, nicht nur für Klienten. Die Methode wird heute in Therapie, Coaching, Supervision und Kreativarbeit eingesetzt. Sie wird in über 50 Ländern angewendet, unterrichtet und weiterentwickelt.

Die fachliche Anerkennung steht: Eine Übersichtsarbeit zur Focusing-orientierten Psychotherapie ist 2007 im American Journal of Psychotherapy erschienen (Hendricks 2007). Eine aktuelle Pilotstudie deutet darauf hin, dass Focusing-orientierte Begleitung Selbstwirksamkeit und emotionales Erleben stärkt. Wenn dich die therapeutische Anwendung interessiert, geht es weiter auf der Seite zu Focusing in der therapeutischen Begleitung.

Drei Wege, Focusing in dein Leben zu holen

Focusing ist nicht etwas, das man einmal liest und dann hat. Es ist eine Fertigkeit, die wächst, wenn man sie übt. Es gibt drei Wege, das zu tun, und sie schließen sich gegenseitig nicht aus.

Allein, für dich. Gendlins Buch ist genau dafür geschrieben. Du brauchst nichts außer zwanzig Minuten, einen Stuhl und die Bereitschaft, dich nicht abzulenken. Der Anfang ist oft ungewohnt. Das innere Gespür meldet sich nicht auf Knopfdruck, und das ist normal. Auch ein Muskel, der lange nicht genutzt wurde, braucht ein paar Versuche, bis er antwortet.

Begleitet, mit einem Gegenüber. In der Einzelbegleitung übernimmt jemand das, was du bei dir selbst noch nicht halten kannst: die freundliche Aufmerksamkeit, das ruhige Dabeibleiben, das Gegen-die-eigene-Ungeduld-Anlehnen. Das geht schneller in die Tiefe als Alleinarbeit, gerade am Anfang und gerade bei Themen, die einen wegziehen oder zudrücken.

Partnerschaftlich, mit einem anderen Mann. Das ist der Weg, den ich seit Jahren mit einem Kollegen gehe. Regelmäßiger Termin, wir wechseln uns ab, einer fokussiert, der andere hört zu. Was sich darin entwickelt, ist mehr als der jeweils einzelne Prozess. Es ist Muskeltraining im wörtlichen Sinn. Über Monate und Jahre verändert sich strukturell etwas darin, wie man bei sich ist: wie schnell man den Felt Sense findet, wie verlässlich man dabei bleibt, wie weit man dem traut, was sich zeigt. Solche Veränderung kommt nicht durch Einsicht. Sie kommt durch Wiederholung.


Häufige Fragen

Ist Focusing nur etwas für Menschen, die in Therapie sind?

Nein. Gendlin hat Focusing ausdrücklich als Selbsthilfe-Verfahren konzipiert und ein eigenes Buch dafür geschrieben. Es wird heute auch in Coaching, Supervision, Kreativarbeit und im Alltag genutzt, und es funktioniert ohne therapeutische Diagnose.

Heißt es Focusing oder Focussing? Und wie wird es übersetzt?

Beide Schreibweisen tauchen auf: im Deutschen wird neben „Focusing-Methode“ gelegentlich auch „Focussing-Methode“ geschrieben. Gemeint ist dasselbe. Eine feste deutsche Focusing-Übersetzung gibt es nicht. Der Begriff stammt vom englischen to focus und meint hier so viel wie „hinspüren“ oder „sich auf das innere Gespür sammeln“. Auch im Deutschen hat sich das englische Wort durchgesetzt.

Was ist der Unterschied zwischen Focusing und Meditation?

Meditation hält Gedanken und Gefühle eher auf Abstand. Focusing geht aktiv hinein, in das, was da ist. Kein leerer Kopf, sondern ein aufmerksamer. Es geht nicht ums Loslassen, sondern ums genaue Hinhören.

Was, wenn ich gar nicht weiß, was ich fühle?

Genau dafür ist Focusing gemacht. Der Felt Sense setzt nicht voraus, dass du schon weißt, was in dir vorgeht. Er ist das Werkzeug, um es herauszufinden. Gerade Männer, die viel im Kopf sind, finden hier oft den ersten konkreten Zugang.

Kann ich Focusing alleine machen?

Ja. Gendlins Buch richtet sich explizit an Selbstanwender, und die sechs Schritte sind so aufgebaut, dass man sie üben kann. Eine Begleitung beschleunigt den Einstieg, ist aber kein Muss.

Was ist der Felt Sense?

Das körperlich spürbare, noch unklare Wissen um eine Situation. Mehr als ein Gefühl, weniger als ein Gedanke: ein Bauchgefühl, das genauer wird, wenn man ihm Aufmerksamkeit schenkt. Ausführlicher auf der Seite zum Felt Sense. Du willst Focusing einmal ausprobieren? Ich begleite Männer einzeln und in Gruppen: beim ersten Hinspüren, beim Üben der Schritte, beim Weiterkommen an Stellen, an denen Denken nicht mehr trägt. Schreib mir, wenn du wissen willst, wie das gehen kann.


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Martin Bertele, Focusing-Begleiter für Männer, Porträt in Kreisform

Über den Autor

Martin Bertele

Ich schreibe über Themen, die Männer besonders bewegen. Seit 2018 begleite ich Menschen in persönlichen Entwicklungsprozessen. Durch meine Arbeit ermögliche ich Männern einen tieferen Zugang zu sich selbst, um Klarheit für persönliche Anliegen zu finden.

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Martin Bertele, Focusing-Begleiter für Männer, freigestelltes Porträt mit Brille und Hemd

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